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Januar 2011

 

 

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HISTORIE

 

1. Historische Entwicklung alternativer Tauschkonzepte (aktuelle Seite)

2. Grafische Darstellung vom 17. Jahrhundert bis heute (PDF-Dokument)

Historische Entwicklung alternativer Tauschkonzepte

(aus: Diplomarbeit von Chr. Grünert, "Tauschringe – eine effiziente Alternative zum klassischen Markt?" 1999)

Die Tauschringidee ist keineswegs erst eine Erfindung der 80er Jahre. Erste frühsozialistische Experimente kamen bereits im Zuge der europäischen Indrustriealisierung im frühen 19. Jahrhundert auf. Im folgenden werden einige dieser frühen Ansätze exemplarisch vorgestellt.

Arbeitsbörsen nach Robert Owen

In den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts war es Robert Owen (1771 - 1858), der die englische Konsumgenossenschaftsbewegung begründete. Schon als junger Mann beobachtete er die sozialen Probleme, die sich mit zunehmender Industrialisierung einstellten: beengte Wohnverhältnisse, unzureichende Versorgung mit Lebensmitteln, schlechte sanitäre Anlagen, mangelnde ärztliche Versorgung etc. Owen, der selbst Inhaber einer Baumwollspinnerei in Schottland war, entwickelte aus seinem Betrieb eine Musteranlage, mit für seine Zeit vorbildlichen Strukturen sozialer Sicherung. Zentral bei Owen ist jedoch seine rudimentär entwickelte Arbeitswerttheorie, die sich an die Schriften von David Ricardo anlehnt. Der Wert aller Waren berechnet sich nach Owen allein durch die für ihre Herstellung notwendige Arbeit, folglich haben die Produzenten ein Anrecht auf den vollen Ertrag ihrer Arbeit. Owen faßt den "Defekt" im kapitalistischen Wirtschaftssystem als ein Wertproblem auf, das darin begründet sei, daß nicht das natürliche Wertmaß, die menschliche Arbeit, als Berechnungsgrundlage aller wirtschaftlichen Transaktionen diene, sondern ein künstliches und fiktives Maß, das Geld. Daraus resultiere ein Verteilungsproblem, das dadurch entstünde, daß "Kapitalisten" und andere "Müßiggänger" unter Berufung auf Eigentumstitel Gewinne einbehielten und den Arbeitern als den eigentlichen Produzenten den vollen Arbeitsertrag vorenthielten. Zur Lösung dieses Wert- und Verteilungsproblems schlägt Owen die Schaffung eines nicht-monetären Austausch- und Versorgungssystems vor, einen Markt, auf dem alle Produkte zu ihrem durchschnittlichen Arbeitswert, d.h. zu ihrem Selbstkostenpreis, ausgetauscht würden.

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Die erste "Arbeitsbörse" eröffnete Owen 1832 in London. Die Arbeitsbörse war ein Markt, auf dem die Arbeiter in ihrer Doppelrolle als Konsumenten und Produzenten ihre Waren tauschten. Vergütet wurde mit "Labour notes" (Arbeitsscheinen), die dem Wert des Rohmaterials und der durchschnittlichen, zur Herstellung der Produkte erforderlichen Arbeitszeit entsprachen. Im Gegenzug konnte der Arbeiter seinen Bedarf aus dem Warenlager der Börse mit diesen Scheinen decken. Bereits 1833 traten Zahlungsschwierigkeiten innerhalb des Systems auf, welche schließlich zum Zusammenbruch des Systems im folgenden Jahr führten. Als zentrale Gründe für den Zusammenbruch gelten neben organisatorischen Mängeln vor allem, daß sich zum einen Angebot und Nachfrage in Hinblick auf Art und Qualität der Güter nur schwer zur Deckung bringen ließen, und zum anderen die Bewertung der Waren schwierig, umständlich und keineswegs so gerecht war, wie Owen sich das gedacht hatte.

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Es dauerte noch einige Jahre, bis sich die ersten erfolgreichen und dauerhaften Genossenschaften (insbesondere Konsumgenossenschaften) bildeten. 1844 entstand in Rochdale/England der Konsumverein "Redliche Pioniere", 1845 in Chemnitz die Konsumgenossenschaft "Ermunterung". 1847 gründete Friedrich Wilhelm Raiffeisen Wohltätigkeitsvereine, die als Vorläufer der auf reiner Selbsthilfe aufbauenden ländlichen Genossenschaften gelten. 1849 etablierte Hermann Schulze-Delitzsch die erste gewerbliche Genossenschaft (Rohstoffassoziation) für Tischler und Schuhmacher.

Tauschbanken nach Pierre Joseph Proudhon

Als weiterer Wegbereiter der LETS-Idee gilt Pierre Joseph Proudhon, der oft nur mit seiner bekanntesten Polemik "Eigentum ist Diebstahl" zitiert wird. Weniger bekannt sind seine praktischen Ideen zur Reformierung des Geld- und Kreditsystems: Geld und Zins sind seiner Auffassung nach zu beseitigen; der Kreditverkehr soll auf der Basis von Gegenseitigkeit ("mutualité") und Tausch neu organisiert werden. 1848 startete Proudhon seine Volksbank ("banque du peuple") innerhalb welcher sogenannte "Tauschbons" ("bons d`échange") die Rolle des Geldes als Tauschmedium übernehmen sollte. Diese "Tauschbons" sollten nur gegen Sicht von sogenannten "realisierten Werten", also von tatsächlich an die Bank gelieferten Waren und Dienstleistungen an die Mitglieder der Volksbankgemeinschaft abgegeben werden. Proudhon ließ bei seinen Überlegungen zur Volksbank jedoch eine zentrale Frage offen, nämlich die nach einer gerechten Bemessung der Werte für Güter und Dienstleistungen.

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 Anfang 1849 wurde die Volksbank in Paris und einigen Provinzen Frankreichs eröffnet. Die Resonanz unter den selbständigen Handwerksmeistern sowie den Arbeitern war außerordentlich hoch. Bevor die Bank jedoch ihren Geschäftsverkehr aufnehmen konnte, mußte sie aufgelöst werden, da Proudhon aufgrund von Kritik an Kaiser Napoleon III zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Auch wenn keine praktischen Erfahrungen mit der Volksbank vorliegen, muß erheblicher Zweifel an der Funktionsfähigkeit der Bank geäußert werden, da sie sich in wesentlichen Details nicht von den Banken im herkömmlichen Markt unterschied, sondern ihr Hauptaugenmerk auf das "Wundermittel" des zinslosen Kredites legte.

Freiwirtschaftslehre nach Silvio Gesell

Eine neue Richtung der Geldtheorie, die "Freiwirtschaftslehre", entwickelte der deutsch-argentinische Kaufmann Silvio Gesell (1862 - 1930). Der Geldkreislauf solle seiner Ansicht nach wieder "gesunden". Der natürliche Vorsprung des Geldes gegenüber den Gütern müsse eliminiert werden. Dieser natürliche Vorsprung bestehe darin, daß Geld nicht "verderben" könne, sondern dauerhaft und damit "hortbar" sei. Durch den Einbau einer Wertverfallsmechanik in das Geldsystem werde dieser "Defekt" abgebaut:

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"Das Geld soll also, wenn es den Waren gegenüber keine Vorrechte haben darf, wie die Waren verrosten, verschimmeln, verfaulen; es soll zerfressen werden, erkranken, davonlaufen, und wenn es verendet, soll der Besitzer noch den Lohn des Abdeckers bezahlen."

Dieses, durch seine Eigenschaft des ständigen Wertverfalls gekennzeichnete neu zu schaffende Geld, das für seinen Besitzer als Objekt des "Hortens" uninteressant sei, nennt Gesell "Freigeld". Dieses Freigeld solle das herkömmliche Münz- und Papiergeld vollständig in seiner Funktion als Zahlungsmittel ersetzen. Kennzeichen dieses neuen Geldes solle sein, daß es wöchentlich ein Promille an Kaufkraft verliere (jährlich 5,2 %). Durch Aufkleben von Wertmarken (die natürlich gekauft werden müßten) durch den jeweiligen Besitzer solle der Schwund des Geldes ausgeglichen werden und verhindert werden, daß das Geld gänzlich unbrauchbar werde. Der erhoffte Effekt dieser Maßnahme solle eine Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit sein. Nach Gesell gerate das Geld auf diese Weise unter einen Umlaufzwang, und ein "Währungsamt" könne den Geldkreislauf allein mit geldpolitischen Maßnahmen beeinflussen, also die wirtschaftlichen Abläufe nach den Grundsätzen der klassischen Quantitätstheorie nach Irving Fisher steuern. Auch entwickelt Gesell Kriterien für die Leistungsfähigkeit seiner neuen Währung: Es solle ihr gelingen, eine Sicherung (Beseitigung von Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit), Beschleunigung (gefüllte Vorratsräume bei den Verbrauchern) und Verbilligung (keine großen Gewinnspannen im Handel) des Warenaustausches zu gewährleisten.

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Anfang der dreißiger Jahre hat es in Europa einige Versuche gegeben, zinsfreies Geld nach der Freigeldtheorie Silvio Gesell`s einzuführen. Ursache hierfür war die Weltwirtschaftskrise, die Ende der zwanziger Jahre insbesondere marktwirtschaftlich orientierte Industrieländer in eine schwere Rezession stürzte. Mit Hilfe der Freigeldexperimente sollte versucht werden, die Wirtschaft wieder auf Dauer zu stabilisieren. Als erstes Experiment dieser Art gilt das der "Wära-Tauschgesellschaft" in Erfurt im Jahr 1929, das insbesondere der Ortschaft Schwanenkirchen im Bayerischen Wald zu kurzfristig höherem Wohlstand innerhalb einer wirtschaftlich schwierigen Zeit verhalf. Obwohl dieses Experiment positive Effekte auf die lokale Wirtschaft hatte, wurde es auf Betreiben der Deutschen Reichsbank im Rahmen der "Brüningschen Notverordnungen" durch den Reichsfinanzminister im Oktober 1931 als Notgeld verboten.

Weit mehr Aufsehen als die Erfolge von Schwanenkirchen mit der Wära-Tauschgesellschaft erregte in Öffentlichkeit und Wissenschaft das Freigeldexperiment von Wörgl. Da dieses Experiment bereits auffallende Parallelen hinsichtlich der Organisationsstruktur der modernen LETS aufweist sowie grundsätzliche Kritik zuläßt, soll es hier etwas ausführlicher dargestellt werden.

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Aufgrund der katastrophalen wirtschaftlichen Lage der Tiroler Gemeinde Wörgl führte der damalige Bürgermeister Michael Unterguggenberger im Juli 1932 einen Beschluß des Gemeinderates herbei, ein Notgeld in Form von Arbeitsbestätigungsscheinen zu emittieren. Dieses Notgeld unterlag, entsprechend der Gesell´schen Theorie, einer laufenden Entwertung, um einen permanenten Umlauf (Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit) zu gewährleisten. Insgesamt ließ die Gemeinde Papiernoten im Werte von 32 000 Schilling drucken, die durch eine entsprechende Einlage bei der örtlichen Raiffeisenkasse gedeckt wurden. Diese Noten entwerteten sich monatlich um ein Prozent ihres Nennwertes. Durch das Aufkleben einer Marke in Höhe des Schwundes am Monatsende durch den jeweiligen Besitzer konnte der Schwund ausgeglichen werden. In Umlauf wurde das Geld dadurch gebracht, daß die Gemeinde denjenigen Arbeitern und Angestellten der Gemeinde, die sich mit der Zahlung in Notgeld konform gezeigt haben, zunächst 50 % , später sogar 75 % der Löhne und Gehälter in Notgeld ausgezahlt wurden. Das Notgeld war in Schillinge konvertierbar, d.h. es konnte nach einer Entrichtung der Umtauschgebühr von zwei Prozent des Nominalbetrages in normale Schillinge umgetauscht werden. Insgesamt lief der Schwundgeldversuch 14 Monate und es nahmen ca. 6000 Menschen aus Wörgl und den umliegenden Gemeinden daran teil.

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 Eigentlicher "Gewinner" der Notaktion war die Gemeinde. Sie konnte durch den Verkauf der Wertmarken und durch Umtauschgebühren zusätzliche Einnahmen realisieren sowie einen Ausgleich bestehender Steuerrückstände in Schwundgeld verzeichnen, da es für Bürger und Einzelhändler am Monatsende rational war, mit dem Schwundgeld ihre Gemeindesteuern zu bezahlen. In allen Wörgler Geschäften konnte mit dem Notgeld bezahlt werden, so daß die Bevölkerung ihre Lebenshaltung darüber bestreiten konnte. Überregionale Anbieter wie Post und Bahn sowie Bundessteuern konnten dagegen mit der regionalen Währung nicht bezahlt werden. Der Gemeinde gelang es, mit den in die Gemeindekasse eingegangenen Geldern sowie unter Zuhilfenahme von Landeszuschüssen anstehende Investitionen u.a. im Straßenbau und für den Fremdenverkehr zu tätigen und auf diese Weise einen Teil der Arbeitslosen zu beschäftigen. In der Bevölkerung wurde das Experiment überwiegend wohlwollend aufgenommen, da es für sie zu keinen negativen Effekten kam, sondern vielmehr die Arbeitslosigkeit innerhalb der Gemeinde im Zeitraum von August 1932 bis August 1933 um 25 Prozent gesenkt werden konnte, während sie im übrigen Österreich um 10 Prozent anstieg. Für die Wörgler Einzelhändler gilt dies allerdings nur eingeschränkt. Sie profitierten zwar einerseits von einer gewissen, mit der Ausgabe des Notgeldes verbundenen Umsatzsteigerung, andererseits akzeptierten die über größere Marktmacht verfügenden Großhändler, von denen sie ihre Waren bezogen, das Schwundgeld nur sehr begrenzt. Zu dieser Ineffizienz kamen nicht nur Unstimmigkeiten innerhalb der sozialdemokratischen Partei Tirols wegen dieses Experiments, sondern es war insbesondere die Österreichische Nationalbank, die in der Emittierung des Wörgler Schwundgeldes eine Verletzung ihres Notenprivilegs sah und zu recht fürchtete, daß das Experiment Nachahmer finden würde. Per Gerichtsbeschluß untersagte die Bank schließlich der Wörgler Gemeinde im September 1933 den Schwundgeldverkehr. Der Erfolg dieses Experiments blieb fraglich: Die hohen Steuereingänge bei der Gemeinde waren eher auf die beschränkte Verwendungsmöglichkeit und die hohen Umtauschgebühren des Notgeldes zurückzuführen. Andererseits konnten auf diese Weise erhebliche Steuerrückstände eingetrieben werden. Zudem ergab sich bei der Festsetzung des "Schwundes" ein Optimierungsproblem: Ein hoher Schwund erhöhte zwar die Umlaufgeschwindigkeit, stieß aber auf Akzeptanzprobleme bei der Bevölkerung; ein niedriger Schwund dagegen hätte kaum negative Anreize gegeben, das wirtschaftliche Verhalten zu ändern und ein Horten des Geldes zu vermeiden.

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Neuere Entwicklungen von LETS

Als erstes LETS-Projekt der Neuzeit gilt das von Michael Linton, das dieser 1979 auf der Insel Vancouver-Island an der kanadischen Westküste initiiert hat. Neben einigen anderen Orten in der Region wurde es insbesondere in der Kleinstadt Courtenay in Comox Valley (ca. 50.000 Einwohner) im Bundesstaat British Columbia implementiert. Neben der Insellage - Inseln haben sich oftmals bereits als fruchtbare Böden für informelle Innovationen erwiesen - war insgesamt die angespannte wirtschaftliche Lage bzw. die sich relativ unerwartet und schnell einsetzende Depression ein "Akzelerator" für die Entwicklung dieses LETS. Als Verrechnungseinheit wurde der "Green Dollar" eingeführt, der eng in das System der Marktpreise integriert wurde.

Über die weitere Entwicklung von LETS gibt es eine Vielzahl von Quellen, die allerdings oftmals auf Spekulation beruhen und sich wiedersprechen. Verläßliche Daten stehen nur wenig zur Verfügung. Von daher wird die folgende Entwicklung nur schemenhaft bzw. approximativ nachgezeichnet.

 In 1988 kamen die Aktivitäten in Comox Valley aufgrund des fehlenden Vertrauens der Mitglieder in das System zum Erliegen. Die Idee an sich verbreitete sich jedoch zur selben Zeit vor allem in Australien, Neuseeland und Großbritannien. Dort entstanden LETS, die teilweise bis zu 2000 Mitglieder zählen. Seit 1993 entstehen auch in der übrigen Welt LETS aller Art. In Deutschland gilt der "dömak"-Tauschring Halle, initiiert durch Pfarrer Helmut Becker als der erste seiner Art. Während Anfang 1995 gerade einmal ungefähr zehn Tauschringinitiativen in der Bundesrepublik Deutschland gezählt wurden, sind es Anfang 1999 bereits über 200.

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2.3 Anreize und Motive für LETS

Es existieren eine Vielzahl von Motivationen und Anreizmechanismen, um entweder ein LETS zu initiieren oder in einem bereits bestehenden Mitglied zu werden. Im folgenden wird versucht, diese zu systematisieren und mit auf Deutschland bezogenen statistischen Daten zu belegen. Zunächst werden individuelle Motive und Anreize vorgestellt und im Anschluß kollektive Beweggründe veranschaulicht. Staatliche bzw. kommunale Motiv- und Anreizstrukturen spielen ebenso eine Rolle wie ideologische Konzeptionen.

Individuelle Motive

Auf der individuellen Ebene und der Ebene des einzelnen Haushaltes reduziert LETS die Abhängigkeit von nationalstaatlichem Geld. Aufgrund relativ hoher persistenter Arbeitslosigkeit in Deutschland vermindert sich die für konsumtive Zwecke verfügbare Geldmenge in einigen Bevölkerungsschichten. Die Zahl der Sozialhilfeempfänger steigt seit Jahren rasch an. Es kommt zu prekären Einkommenssituationen gerade für diese Bevölkerungsschicht. Das monatliche Einkommen ist zumeist nur für elementare Grundbedürfnisse (Wohnung, Essen etc.) ausreichend. Insbesondere für Alleinerziehende mit einem oder mehreren Kindern, die knapp ein Viertel aller Bedarfsfälle in der Sozialhilfe ausmachen, oder für ältere, oft hochqualifizierte längerfristig arbeitslose Arbeitnehmer können sich positive Effekte durch LETS ergeben. LETS wird quasi zum arbeitsmarktlichen Experimentierfeld, wobei entweder bereits vorhandene Qualifikationen eingesetzt werden oder die Möglichkeit zum Erlernen neuer Fähigkeiten gegeben ist. In diesen Fällen ist n Versagen des Arbeitsmarktes zu konstatieren, da aufgrund starrer Arbeitsmuster ("inflexibility in working patterns") die Arbeitsbedürfnisse der Individuen nur unzureichend berücksichtigt werden. Im Rahmen von LETS ist dagegen "perfect flexibility" gegeben, weil jedes Individuum den Grad seiner Beschäftigung frei wählen kann.

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 Aber auch Haushalte, die über ein regelmäßiges mittleres Einkommen verfügen, können sich mit bestimmten Gütern und Dienstleistungen über den klassischen Markt nicht mehr versorgen, da bestimmte Angebote nicht oder nur zu extrem hohen Marktpreisen angeboten werden. Tendenziell entsteht also eine wachsende Geldabhängigkeit von Wohlfahrt. Aufgrund der Tatsache, daß einige ökonomische Bereiche an einer Knappheit des Tauschmediums, nämlich Geld, leiden, kann man hier ein Versagen des Geldmarktes konstatieren. Sowohl Angebot als auch Nachfrage sind potentiell vorhanden, da jedoch einige Marktnachfrager nicht über das Austauschmedium Geld verfügen, kommen Transaktionen nicht zustande ("failure of effective demand"). LETS verhindert diesen Mechanismus, indem es lokales Geld als Verrechnungseinheit für Transaktionen zur Verfügung stellt. Zentraler Vorteil dieses Geldes ist, daß die Akteure es innerhalb bestimmter Grenzen ausgeben können, bevor sie es eigentlich verdient haben, was in der Folge direkt Ausgaben anderer Akteure animiert. Gegenüber konventionellen Krediten ergeben sich dabei zwei zentrale Vorteile. Zum einen steigen die Verbindlichkeiten nicht automatisch im Zeitablauf über den Zinsmechanismus an, da keine Zinsen erhoben werden, und zum anderen bietet das System die grundsätzliche Möglichkeit einer unlimitierten Kreditvergabe unter der Prämisse, daß die Kreditnehmer zukünftig adäquate marktfähige Leistungen innerhalb von LETS anbieten werden. Aufgrund der Selbstverwaltung der Mitglieder und der Kleinräumigkeit eines LETS wird es schließlich zu vergleichsweise niedrigen Kontroll- und Verwaltungskosten der Kreditvergabe im Vergleich zu konventionellen Systemen kommen.

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 Diametral zum Geld verhält es sich mit der für die Wohlfahrtsproduktion zur Verfügung stehenden Zeit. Während Geld in den Haushalten knapp ist, steigt in zunehmendem Maße die Verfügbarkeit institutionell ungebundener Zeit. Angesprochen werden hier u.a. Reduzierungen in der industriellen Wochenarbeitszeit (35 Stunden Woche), Zunahme kurzzeitiger Beschäftigungsverhältnisse ("630,-- DM Jobs") und eben wieder Arbeitslosigkeit. Damit kommt der Trend sinkender direkter Einsatzmöglichkeiten von Zeit zum Zwecke der Wohlfahrtsproduktion zum Ausdruck.

 LETS kann das Individuum im Rahmen der "Hilfe zur Selbsthilfe" befähigen, bislang brachliegende individuelle Ressourcen im Tauschring anzubieten, also wohlfahrtsproduktiv tätig zu werden, und im Gegenzug individuelle Bedürfnisse über den Tauschring zu befriedigen. LETS ermöglicht dem Individuum schließlich auch solche Bedürfnisse zu befriedigen, die es auf dem klassischen Markt mit nationalstaatlichem Geld nicht oder nur zu hohen Marktpreisen hätte befriedigen können. LETS stellt damit für den einzelnen Haushalt ein ergänzendes Versorgungssystem dar. Damit das Individuum ein Angebot entwickeln kann, benötigt es Kreativität zur Produktfindung. LETS fördert also Einfallsreichtum und Schöpfungskraft der Teilnehmer, was einer Stärkung der individuellen potentiellen Möglichkeiten gleichkommt. Schließlich bleibt es nicht ausgeschlossen, daß ein Angebot, welches innerhalb von LETS starken Absatz findet, auch außerhalb, auf dem klassischen Markt angeboten wird und somit eine neue individuelle Existenzgrundlage geschaffen werden kann. LETS ist damit ein Kommunikationsinstrument, das dem Kontaktaufbau und der Kontaktpflege dient. Zusätzlich werden bestimmte Dienstleistungen, die bisher im Rahmen der klassischen Haushaltsführung nicht oder nur äußerst gering entlohnt wurden, innerhalb von LETS auch monetär bewertet und statistisch erfaßt.

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Kollektive Motive

Ebenso wie für das Individuum ergeben sich für das Tauschring-Kollektiv, also für die Gesamtheit der Mitglieder eines Tauschringes, Anreize, die als Motivation für den Erhalt des Tauschringes wirken können. So fördert LETS regionale kleinräumige Strukturen, also das jeweils individuelle Wohn- und Lebensumfeld dadurch, daß das regionale eigene Leistungsangebot verstärkt genutzt wird, und Leistungen, die bisher von außerhalb anonym bezogen wurden, zurückgedrängt werden. Insbesondere in strukturschwachen Gebieten mit geringer industrieller Produktion kann sich LETS vorteilhaft auf die Wiederbelebung der lokalen Ökonomie auswirken.

 Zudem ist es innerhalb von LETS möglich, die Kooperation der Individuen untereinander zu fördern, da sie sich mit dem Ziel zusammenschließen, Güter und Dienste bargeldlos auszutauschen, um dadurch ihre individuelle Versorgungslage zu verbessern. Es kann zu einem Gruppengefühl kommen, das die kollektive Situation langfristig stärkt und mit dem eine Persistenz auf einem hohen Versorgungsniveau erreicht wird.

Ein zusätzlicher Anreiz für eine Tauschringinitiierung sind ökologische Effekte und Begleiterscheinungen, insbesondere Internalisierungstendenzen externer Effekte. So besteht die Möglichkeit innerhalb des Ringes einige vorhandene Güter kollektiv und damit effizienter zu nutzen. Daneben kann es effizient werden, Güter des täglichen Lebens reparieren zu lassen anstatt sie durch neue zu ersetzen. Ein weiterer eventuell ökologisch wirksamer Aspekt ist Tauschen statt Kaufen, wenn ein Gegenstand, der im Haushalt nicht mehr benötigt wird, einfach gegen einen anderen Bedarf über die Verrechnungswährung eingetauscht wird. Es können sich auch über wegfallende bzw. kurze Transportwege negative externe Effekte vermeiden lassen.

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Staatliche bzw. kommunale Interessen

Neben den Individuen und dem Tauschring-Kollektiv können sowohl Staat als auch Kommune Interesse an einem funktionierenden LETS haben. Zunächst wird dies am Beispiel der Sozialleistungen deutlich, da üblicherweise innerhalb eines Tauschringes Angebote der Gesundheitsförderung existieren. Dazu gehören z.B. Massagen, Ernährungsberatung, Akupunktur, Yogaunterricht, homöopathische und therapeutische Behandlung. Die Kosten solcher Angebote, die außerhalb von LETS relativ hoch sind, übernehmen die Krankenkassen im Regelfall nicht. Auch von der Schulmedizin wird diesen Behandlungsarten aber eine gewisse Gesundheitsvorsorge beigemessen. So ist es im Interesse von Gesundheitspolitik, wenn Kosten für die Sozialversicherungsträger im Rahmen von LETS vermieden werden.

 Im weiteren kann die Kommune daran interessiert sein, im Rahmen von LETS die Kosten für Leistungen der Sozialhilfe sukzessive abzubauen und kommunale Beschäftigungsmöglichkeiten vor allem im Niedriglohnbereich über LETS zu entlohnen. Voraussetzung dafür ist allerdings, daß auch die Kommune bereit ist, Steuern, Gebühren und andere Abgaben wenigstens zum Teil in Verrechnungseinheiten zu akzeptieren. LETS bietet darüber hinaus die Möglichkeit individueller "Talente"-Erprobung auf regionaler Ebene und kann eine langfristige Beschäftigungsalternative auch außerhalb von LETS auf klassischen Märkten in Zusammenarbeit mit Kommunen und Unternehmen ermöglichen.

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 Schließlich bietet LETS die Möglichkeit, Auswirkungen regionaler Arbeitslosigkeit entsprechend abzufedern. Regionale Arbeitslosigkeit führt in der Regel zu einer Abwanderung von qualifiziertem Humankapital, was sich in einer zusätzlichen Schwächung der Region auswirkt. LETS ist dagegen bei entsprechender institutioneller Ausgestaltung zumindest ansatzweise in der Lage, Lösungsansätze für lokale Arbeitsmarktprobleme dieser Art zu bieten.

 Ideologische Anreize und Motive

Oftmals werden für die Institutionalisierung eines LETS ideologische Motive genannt. Zentral ist dabei die Zins- und Wachstumskritik innerhalb einer Marktwirtschaft. Creutz formuliert zwei grundlegende Wachstumsregeln: 1. Für jedes natürliche und gesunde Wachstum gebe es immer eine optimale Grenze. Nur krankhafte Wachstumsprozesse, wie z.B. bei Tumoren, mißachteten diese Regel und zerstörten dabei sich selbst und den Organismus, in dem sie angesiedelt sind. 2. Organismen blieben nur stabil, wenn sich alle ihre Teile mit ihrer Entwicklung am Ganzen orientierten. Das bedeute, daß bei einem Baum die Wurzeln, der Stamm und die Krone im Gleichschritt miteinander wachsen müßten. Andernfalls müsse der Baum zugrunde gehen. Creutz sieht in der alten Bundesrepublik mit ihrem System der Sozialen Marktwirtschaft diese Wachstumsregeln als verletzt an. Er argumentiert, daß das reale BSP von 1950 bis 1995 um etwa den sechsfachen Wert angestiegen sei, während die Geldvermögen im gleichen Zeitraum ein ca. 23-faches Wachstum verzeichneten. Er folgert aus dieser asymmetrischen Entwicklung gravierende Folgen für den sozialen und ökologischen Bereich und fordert eine Korrektur der Fehlstrukturen innerhalb der deutschen Geldordnung. Einem LETS sind nach Creutz diese negativen Wachstumsstrukturen nicht immanent. Sie werden deshalb insbesondere von Anhängern der Gesell´schen Freiwirtschaftslehre gerne als "Vorzeigeökonomien" und Lösungsmodell bezeichnet, obwohl diese Sicht, wie selbst Creutz betont, naiv ist:

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 "Selbst wenn ein solches Modell mit ein paar tausend oder zehntausend Menschen zustande kommt, ist es zur Veränderung der geldbezogenen Strukturprobleme ähnlich wirkungslos wie der Versuch, durch Stumpfmachen aller Haushaltsmesser die Überrüstung abzubauen".

 Weitere Argumente für eine zinsfreie Wirtschaft, die in den Statuten vieler LETS auftauchen, seien hier kurz vorgestellt: 1. Geldknappheit würde in einer zinsfreien Wirtschaft vermieden, da alle Wirtschaftssubjekte ihr Geld aufgrund fehlender Sparzinsen und Auferlegung einer Nutzungsgebühr bei Hortung rechtzeitig ausgäben. Durch die damit verbundene Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit der Währung würde die Nachfrage nach Gütern und Diensten wachsen und die Arbeitslosigkeit abnehmen. 2. Wenn der Zins als Belohnung für die Geldbesitzer entfiele, würde das Problem der ungerechten Vermögensverteilung ohne sozialstaatliche Umverteilungspraktiken gelöst und der ständige Geldzufluß von Arbeitenden zu Besitzenden, von Arm zu Reich unterbunden.

 Trotz dieser naiven Vorstellung von Wirtschaft wird in vielen, vor allem in einigen deutschsprachigen freiwirtschaftlich orientierten Tauschringen die eigene Existenz mit derartigen Argumenten ideologisch gerechtfertigt.

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